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Kink Culture

Kiss the boot of shiny, shiny leather

Kink in der Musik zwischen The Velvet Underground“ und Mainstream


Veröffentlicht am 24. Januar 2021
Text von Michael

Wenn Rihanna singt:

Sticks and stones may break my bones  
But chains and whips excite me

oder Adam Lambert im Lederkostüm in einem Musikvideo auftritt, dann ist das heute kaum mehr eine Provokation. Und es bleibt für viele Vanilla-Betrachter doch etwas Aufregendes, ein Abenteuer, das viele einmal wagen, bevor sie wieder auf die „normale“ Seite zurück wechseln. Als das Buch „Fifty Shades of Grey“ 2011 herauskam, hieß es ganz überrascht, dass es sich in New York großer Beliebtheit erfreue; es solle dort viele Hausfrauen geben, die insgeheim diese Phantasien haben. Überraschung! Auch wenn es noch viele andere Bereiche gibt, in denen das noch immer anders ist, zeigt dies doch: Das ganze Thema ist ein Stück weiter in der Pop – und damit populären – Kultur angekommen.

Als Madonna in den 90ern mit dem Song „Erotica“ provozierte, oder etwa Depeche Mode dies mit „Master and Servant“ im Jahr 1984 taten, schlug das noch höhere Wellen. Ganz anders war es jedoch, als die Musik der Band „The Velvet Underground“ Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre, in New York entstand. Der Bandname „The Velvet Underground“ (Der samtige Untergrund) bezog sich auf die damals gängigen „Untergrundfilme“, also keine „Low-, sondern „No-Budget-Filme“, die aber die eigene Lebenswelt besser abbilden konnten, weil sie keine großen Produzenten und Verleihe dazwischen geschaltet hatten. Doch dagegen, dass der Bandname auch auf Michael Leigh’s Buch „The velvet underground“ bezogen werden konnte, das sich mit Sadomasochismus und den sexuellen – nicht mainstreamigen – Wünschen der amerikanischen Mittelschicht befasste, hatte von den Bandmitgliedern niemand etwas einzuwenden. Sänger Lou Reed und Musiker John Cale hatten das Buch bei einem Wohnungsumzug im Müll ihres Vormieters gefunden.

“The Velvet Underground” mit “Nico” und Andy Warhol
(v.l.n.r.: “Nico”, Andy Warhol, “Moe” Tucker, Lou Reed, Sterling Morrison, John Cale) ©

Das erste Album der Band entstand gemeinsam mit der Sängerin „Nico“, einem deutschen Model. Die Zusammenarbeit wurde von Andy Warhol, der heute vor allem durch seine Siebdrucke und Filme bekannt ist, unterstützt und produziert; er schuf hierzu auch das ikonisch gewordene Plattencover mit der Banane. Weil die damals bereits berühmte Figur Warhol dahinter stand, redete das Plattenlabel nicht in die Aufnahmen hinein, was eine ungemeine Freiheit im Schaffensprozess für eine neue Band bedeutete. Warhol’s Rückendeckung bescherte der Band zudem hohe öffentliche Aufmerksamkeit.

“Peel slowly and see” (langsam pellen und sehen, was kommt); unter dem gelben Bananenschalen-Aufkleber kam eine fleischfarbene Banane hervor. Dies zeigt das Cover des ersten Albums der Band “The Velvet Underground & Nico” von 1967. Der Bandname, sowie auch ein Titel des Albums, fehlten. (©, ©)

Die Band sang über Drogen, Sex, SM, Homosexualität und Transsexualität. „Sweet Jane“ meinte eine Prostituierte, „I’m waiting for my man“ beschreibt das Warten auf den Drogendealer, und „Too busy sucking on my ding-dong“ erklärt sich im Song „Sister Ray“ von alleine, während bei „Ray“ von einem Transvestiten die Rede ist. Dies erregte Skandale, das war aber nicht das vorrangige Motiv. Vielmehr spiegelte es das Leben des eigenen Milieus wieder, gar dasjenige der Bandmitglieder. Es war gedacht als Kontrapunkt zur Flowerpower-Bewegung. Der Musikjournalist Lester Bangs charakterisierte den Sänger der Band wie folgt: „Lou Reed ist ein komplett verkommener Perverser und ein erbärmlicher Todeszwerg und alles andere, was man möchte, dass er sein soll. […] Lou Reed ist der Typ, der Heroin, Speed, Homosexualität, Sadomasochismus, Mord, Misogynie, trotteliger Passivität und Selbsttötung Würde, Poesie und Rock’n’Roll gegeben hat.“1 Reed wurde als Kind, weil er rebellisch war, Drogen nahm, und nicht zuletzt, weil seine Eltern bei ihm homosexuelle Tendenzen vermuteten, mit Elektroschocks „behandelt“; er schrieb später: „Du kannst kein Buch lesen, denn wenn du auf Seite 17 ankommst, musst du wieder zu Seite 1 zurückgehen.“2 Er war mit einer Transfrau, „Rachel“, verheiratet, sprach in den 70ern offen von seiner Homosexualität, und heiratete danach wieder eine Frau, die er in einem SM-Club in New York kennengelernt hatte.

Lou Reed ©

„Niemand dachte bei einem Rock-Poeten jemals an Lou Reed“, so Musikkritiker Robert Christgau, „rückblickend hatte er eine der authentischsten Stimmen von allen, die in den 60ern Songs geschrieben haben, vielleicht die authentischste; und der Grund, warum niemand das bemerkt hatte, war, weil da nichts im entferntesten Poetisches im äußeren Erscheinungsbild seiner Songtexte vorhanden war. Sie waren in einem sehr plauderhaften Ton, sehr „trocken“, aber in Wahrheit war er in der Lage zu wirklichen Ausflügen ins Poetische“.3 So besteht die Stimme Reeds eigentlich aus mehreren Stimmen: mindestens einer hart-brutalen, einer sarkastisch-höhnischen, einer weichen und einer verloren-umherirrenden. John Cale spielte seine Bratsche elektronisch verzerrt, ein sehr ungewöhnliches Instrument für eine Rock-Band. Maureen (Moe) Tucker spielte ihr Schlagzeug auf ihre ganz eigene Weise, mit einem reduzierten Instrumentenaufbau, minimalistisch, im Stehen. Die Art ihrer Texte und ihre Spielweise machten aus ihnen eine sehr avantgardistische Band.

Als sich die Band ihren Namen gab, war gerade ihr Song „Venus in furs“ fertiggestellt. Ein Liedtext gesungen in einer Gesellschaft, in der BDSM zu der Zeit als Krankheit galt, die Ausübung eine Straftat darstellte.

Shiny, shiny, shiny, boots of leather 
Whiplash girlchild in the dark

Dies bezieht sich auf die gleichnamige Geschichte „Venus im Pelz“, des SM-Urvaters Leopold von Sacher-Masoch, auf den der Begriff „Masochismus“ zurück geht. Es geht dort um einen Mann, Severin, der eine sadomasochistische Beziehung sucht.

Kiss the boot of shiny, shiny leather
Shiny leather in the dark
Tongue of thongs, the belt that does await you 
Strike dear mistress and cure his heart

und die Zeilen:

Taste the whip, in love not given lightly 
Taste the whip, now bleed for me

zeigen diese Direktheit und sprachliche Ungeschöntheit, ja Härte. Sie berühren den Zusammenhang von freiwilligem Schmerz und Liebe, Schmerz als Ausdruck von Liebe.

Der Inhalt dieses Songs drückt sich auch musikalisch aus. Wie immer bei guten Songs spricht nicht nur der Text zu den Hörenden, sondern auch die Musik. Am Anfang des Liedes werden Harmonien gespielt, die zwischen den verschiedenen Tonalitäten, dem eher getragenen, traurigen Moll und dem eher fröhlich feierlichen Dur, changieren. Der Song beginnt ohne große Einleitung; er beginnt schlagartig. Der Refrain unterscheidet sich stimmungsmäßig von den Strophen, als würde der Sprechende aus einem Traum aufwachen. John Cale spielt die elektrische Bratsche sehr dissonant, mit Tonart-fremden Tönen. Lou Reed erzeugt am Ende des Stückes mit seiner Gitarre, auf der alle Saiten in dem selben Ton gestimmt sind – er nennt dies die „Ostrich Guitar“ – einen „Drone“-Sound.4 So klingt alles zusammen besonders gereizt, als würden nicht zusammenpassende Sphären aufeinandertreffen, zusammenprallen, einen Ausweg suchen.

Video 1: The Velvet Underground: Venus in furs

Diese Musik hatte ihren Resonanzkörper in der damaligen Generation, in der sie entstanden ist. Deswegen mag sie heute etwas fremd wirken; in diesem Fall jedoch verstärkt es ihren Effekt aber noch einmal, war doch ihr Klang regelrecht darauf angelegt, irritierend, provozierend und aufwühlend zu wirken. Die Band war während ihrer aktiven Jahre nicht kommerziell erfolgreich, nach vier Jahren trennte sie sich bereits wieder. Erst später entwickelte sie sich zu einem einflussreichen Mythos. „Das war damals schwer zu durchschauen, deswegen lernen die Leute wohl immer noch davon“, wie Christgau es ausdrückte.5 Dieser Song und die Musik der Band insgesamt waren später auch Vorbild für viele Punk Bands, etwa für die „Sex Pistols“, die sich in ihrer Kleidung, in Symbolen oder Songtexten, daran anlehnten. Aber auch David Bowie ließ sich beeinflussen; er und Reed produzierten am Beginn von Reed’s erfolgreicher Solo-Karriere sogar Musik zusammen. Patti Smith nimmt ihre musikalischen Anleihen ebenso an dieser Band und letztlich bereitete sie auch den Boden für das musikalische Auftreten von Queen/Freddie Mercury, Elton John und U2.

Oben: Ausstellung zur Band in Paris 2016; unten: Graffiti von Lou Reed in Melbourne. “Take a walk on the wild side” ist einer seiner bekanntesten Songs. Es stammt von seinem Album “Transformer” von 1972, das er gemeinsam mit David Bowie produzierte (© ©)

Aber die Rahmenbedingungen waren damals anders als heute. Ist also Kink als Thema in der aktuellen populären Musik normal geworden, eine stumpf gewordene Provokation? Die westlichen Gesellschaften haben sich seit den 60er Jahren liberalisiert, pluralisiert und individualisiert: Sexuelle Minderheiten haben heute mehr Rechte, sie werden breiter akzeptiert; aber auch die Selbstbezogenheit in der Gesamtgesellschaft hat zugenommen. Die Rolle der Medien hat sich ebenfalls verändert: Nicht mehr allein was im „Rolling Stone“, oder in Kulturteilen weniger Tageszeitungen, steht, ist tonangebend. Neue Medien bedienen ihre Milieus. Jeder kann selbstwirksam werden, einen eigenen Blog betreiben oder Twittern. Dies erhöht die eigene Reichweite, vermindert aber den Austausch und das Gemeinschaftsgefühl über die eigenen Milieus und Filterblasen hinweg. Im Rahmen der Kommerzialisierung der Musikindustrie sind auch die einzelnen Musiker vorsichtiger geworden. Rihannas Manager haben sicherlich genau überlegt, wie sich ein solches Lied auf ihr Image und damit ihren Verkaufswert ausüben würde. Haben auch frühere Bands aus Imagegründen gehandelt, war doch die Kommerzialisierung, besonders am Anfang ihrer Karrieren, weit weniger verbreitet. Oftmals schöpften sie ihre Songtexte aus den eigenen Erfahrungen. Wenn dann solche Texte zudem gegen geltende Gesetze gesungen wurden, war dies zwar auch eine Provokation, jedoch mit mehr Risiko verbunden, als nur dem eigenen Image einen Schaden zuzufügen.

Der Einzug einer Kunst in die Mainstream-Kultur ist immer ein Drahtseilakt. Einerseits bewirkt dies die Profanisierung des Subkulturgehalts, anderereits steht auf der anderen Seite das ernsthafte Bemühen der Künstler dahinter, ihre Kunst auch in den Mainstream hinein zu vermitteln. Ein Verbleiben in der Subkultur vermindert hingegen eine weitergehende Akzeptanz, wenn sie auf der Betonung der jahrelangen Sonderrolle (die unfreiwillig gewählt war), besteht. Andererseits muss sich die Subkultur, weil sie es mit diesen Themen „ernst“ meint, auch einer Verwässerung entziehen; wissen doch die meisten Anhänger der Mainstream-Kultur gar nicht, was diese Themen im Kern, über einen Modetrend hinaus, ausmachen.

Ein Blick zurück auf die Anfänge von etwas zeigt genau dieses auf und ist immer auch eine Wertschätzung für bereits unter hohem Einsatz Geleistetes, vermittelt ein Gefühl für eine gewisse Form des „Ursprünglichen“; er zeigt diese Band, und später Lou Reed, auch als Vorbild für andere Menschen heute, wenn es darum geht, weitere Freiheiten zu erreichen; er gibt Motivation für ein „Weitermachen“ mit einer Idee oder einem Projekt, auch wenn es zunächst keine große Anerkennung – ja sogar Unverständnis – hervorruft; und er verweist auf die immer noch aktuelle Kraft dieses Songs der „Velvets“.

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Weitere Videos zum Thema:

Video 2: The Velvet Underground: Heroin (bei ihrer Wiedervereinigung 1993. Charakteristisch: Reed’s trockene Stimme, Tucker’s Spiel im Stehen und Cale’s fast “schreiende” Bratsche am Ende des Songs)

Video 3: The Velvet Underground: Pale blue eyes

Video 4: The Velvet Underground: I’ll be your mirror (gesungen von “Nico” mit ihrem herrlich-schrecklichen deutschen Akzent 😉 )

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Quellen:

1Lester Bangs: „Let Us Now Praise Famous Death Dwarves or, How I Slugged It Out with Lou Reed & Stayed Awake”, Creem, Vol. 6, No. 10, March, 1975, pp. 38-9. Original quote: „Lou Reed is a completely depraved pervert and pathetic death dwarf and everything else you want to think he is. […] Lou Reed is the guy that gave dignity and poetry and rock ‘n’ roll to smack, speed, homosexuality, sadomasochism, murder, misogyny, stumblebum passivity, and suicide“.

2Lou Reed, zit. in: Legs McNeil und Gillian McCain: Please Kill Me: The Uncensored Oral History of Punk. Grove Press, New York 1996, S. 4, Orignal quote: „You can’t read a book because you get to page seventeen and have to go right back to page one again“.

3Robert Christgau, zit. in: The Velvet Underground, The South Bank Show, 1986. Original Quote: „Quite remarkably deadpan and underneath it all witty, lifely, full of its own kind of energy“; „No one ever thought about Lou Reed as a rock poet, in restrospect it seems to me that he had one of the most authentic and original voices of anyone writing lyrics in the 60s, perhaps the most authentic and original voice, and the reason no one noticed it was, there was nothing even remotedly poetic in the appearance of his lyric, they were very demotic, very conversational, very deadpan, but in fact he was capable of real flights of lyricism“.

4David Cheal: Venus in Furs — The Velvet Underground’s chilling drone-rock track was highly influential, Financial Times, 09. November 2020, URL.

5Robert Christgau: The Velvet Underground: The Velvet Underground and Nico, in: Verve, 1967, URL, “This was hard to suss out at the time, which is probably why people are still learning from it“.

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