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Interview mit Kinkster Marcbound

Keine Scham, kein Verurteilen, kein Bereuen“

veröffentlicht am 03. Februar 2021

© Marcbound

Hallo Marc, einige von denjenigen, die dieses Interview hier lesen, kennen sicher deine Bilder von Instagram. Sie zeigen striktes Bondage in unterschiedlichen Situationen. Wie fühlst du dich, wenn du da so stehend oder liegend streng gefesselt bist? Wenn ich meine Fetische auslebe, fühle ich mich stark in dem Sinne, dass ich mich sexuell selbst ausdrücke und etwas tue, das ich mag mit jemandem, der das auch tut, und dass wir beide eine positive Erfahrung dadurch haben können. Keine Scham, keine Vorurteile, keine Reue.

Was bedeutet der Begriff „Fetisch“ für dich?
Für mich persönlich ist es eher ein abstraktes Konzept, es geht darum, erotische Erfahrungen zu erleben, die nicht notwendigerweise der Norm entsprechen (allerdings müssten wir dann diskutieren, was diese „Norm“ bedeutet, aber das wollen wir jetzt hier nicht tun). Fetisch ist für mich auch ein Weg, Leute zu finden, die das selbe mögen wie ich. Ich denke, der Begriff „Fetisch“ impliziert auch immer etwas von einem Community-Gedanken, der es dir ermöglicht, alles zu entdecken, zu teilen und zu erleben, wofür zu einen Fetisch hast.

Wie ist dein Fetisch mit deiner Sexualität verbunden?
Seit dem Zeitpunkt, als ich sexuell aktiv geworden bin, habe ich mich schon immer mehr auf die Fetisch- und Kink-Seite konzentriert, als auf die Vanilla-Seite. Ich wollte unbedingt kinky Erfahrungen sammeln und deswegen habe ich dem lange Vorrang eingeräumt, weil Vanilla-Sex auf mich nicht interessant wirkte, ich habe es als etwas Langweiliges gesehen, das mir nichts bringen würde. Das hat sich in den letzten Jahren allerdings geändert, ich habe die Tür „geöffnet“, um mehr Vanilla-Treffen zu haben, was mir Spaß gemacht hat und was ich versuche auch von Zeit zu Zeit weiter zu machen.

Welche Fetische hast du?
Meine Liste an Fetischen dreht sich hauptsächlich um Bondage, das ist mein Hauptfetisch. Ich liebe es, gefesselt zu werden, bewegungsunfähig zu sein – die Kontrolle über meinen Körper zu verlieren, und sich voll und ganz dem Dom zu unterwerfen; es geht darum, gegenüber dem anderen machtlos zu sein. Dann gibt es eine Menge von Dingen, die ich mag, während ich in Bondage bin: Edgeing (wer mag das nicht), Nippelplay, Atemkontrolle, Poppers (ich bin nicht sicher, ob das als Fetisch zählt), Elektro, Mumifizierung, Cock and Ball Play, und so weiter. Ich mag es sehr, Gear zu verwenden, je mehr, je enger, je härter, desto besser: Masken, Knebel, Zwangsjacken, Schlafsäcke, Hodenparachute, Nippelklemmen, Melkmachine, Halterungen, um den Kopf zu Fixieren, die Liste ist endlos und die Möglichkeiten so zahlreich.

© Marcbound

Wenn du dich zurück denkst: Kannst du dich erinnern, wie du zum ersten Mal dein Interesse an Fetischen entdeckt hast?
Ich hatte einige Erfahrungen, die mich dazu brachten, einzusehen, dass ich andere Vorlieben hatte, als die meisten anderen Menschen. Das erste Mal war am Ende der Grundschule: Ich erinnere mich noch ganz genau daran, wie ein Freund und ich damals zusammen während er Mittagszeit einmal spielten, und wir uns gegenseitig mit unserer Schulkleidung fesselten. Wir waren damals vielleicht 10-11 Jahre alt, und wir wussten auch schon, wer gefesselt werden sollte (und also der Sub war), und wer den anderen fesseln würde (Dom). Ich finde es spannend, wie Kinder spielen, ohne jemals irgendwie Kontakt zu Fetischdingen gehabt zu haben. Fun fact: Es stellte sich heraus, dass der andere Typ heterosexuell war, was rückblickend dem ganzen noch einen besonderen Reiz gibt.
Das zweite Erlebnis war Jahre später, während ich im Internet unterwegs war (Pornoseiten natürlich). Ich kam auf die „Bondage-Jeopardy-Seite“, ich fand es sehr aufregend dort, und es machte mir, einem 15-Jahre alten Jungen, möglich, Dinge zu sehen, die mich interessierten, davon zu Träume, dass ich das auch erleben könnte, und es zeigte mir, dass das nicht verrückt war, denn wenn es Online ist und es einen Blog dazu gibt, muss es anderen Leuten auch gefallen. Nachdem ich diese Seite entdeckt habe, kam ich auch auf „Mr Kristofers“ Blog, über den ich unendlich mehr Seiten fand, eine von ihnen ist „BoundGods“, die schon sehr beeindruckend war für einen schwulen kinky Jungen in seinen späten Teenager-Jahren.

Bei manchen Leuten, verstärken sich die Konflikte, wenn die beiden Dimensionen – schwul zu sein und gleichzeitig Fetische und BDSM zu mögen – zusammen kommen. Hat dein Schwul-Sein für dich dein Leben weiter verkompliziert?
Nein, das würde ich nicht sagen. Klar hatte ich Probleme damit am Anfang und habe unter Mobbing von einigen Mitschülern gelitten, aber naja gut, du kommst darüber hinweg und bekommst eine dicke Haut, oder du bist verloren. Und auf andere Art habe ich mich dadurch, schwul zu sein, auch immer als was besonderes gefühlt (ich weiß, dass wir es nicht sind), aber in dem Sinne, dass ich wusste, nicht wie die anderen zu sein.

Wie verlief deine weitere kinky Entwicklung?
Ich habe diese Seite von mir immer sehr versteckt gehalten im Vergleich zu meinem „Vanilla“-Leben. Nur eine Handvoll Freunde wissen davon, außerhalb meiner kinky Freunde, und ich finde das gut so.
Die erste Möglichkeit meine Fetische erleben zu können war, als ich mich bei Recon angemeldet habe im Dezember 2014, als ich 19 Jahre alt war. Ich erinnere mich, dass ich mehr als ein Jahr dazu brauchte, mental bereit zu sein für meine erste Session – ich musste dem Typen absolut vertrauen, weil ich mich ihm wortwörtlich in seine Hände begab, und für einen jungen Mann, der gerade seine Fetische kennenlernt, war das eine große Sache. Nachdem ich meine ersten Sessions hatte, obwohl ich es gut fand und auch das Gefühl schön war, als ich gefesselt war, fühlte ich jedes mal eine Welle von Selbstekel, Schmutz und Scham. Und auch wenn ich es okay fand, mit all dem zu experimentieren, konnte ich nicht verhindern, dass diese Gedanken kamen. Aber ich habe es hinbekommen, dass diese Dinge mir nicht den Weg dazu verstellt haben, wie ich Spaß haben konnte, und über die Zeit, über Jahre tatsächlich, habe ich daran gearbeitet, diese Gefühle zu kontrollieren. Jetzt kommen sie nur noch selten. Ich denke ich kann sagen, dass ich mit mir zufrieden bin da wo ich bin, wo ich keine Scham fühle, all diese Fetische zu haben und mich anderen Männern zu unterwerfen.
Ich habe es akzeptiert, und habe erkannt, das es keinen Sinn macht, diese Seite von mir zu unterdrücken, weil es negative Auswirkungen auf alles, was ich tue haben würde, und ich würde mich selbst nicht vollständig als Person fühlen, so einfach ist das.

© Marcbound

Ich denke, so geht es Vielen: Die höchsten Gefühle des Glücks kommen zusammen mit den dunkelsten Emotionen von einem Wertlosigkeitsgefühl. Wie bist du mit solchen Gefühlen umgegangen, wenn sie aufkamen?
Dadurch dass ich mir selbst darüber Gedanken gemacht habe, dass ich sie „durchdacht“ habe, und auch dass ich mit anderen schwulen Typen in den verschiedenen Apps gechattet habe, so dass dieses ganze „Sex haben und kinky Erfahrungen sammeln“ okay wurde, dadurch dass ich gesehen habe, dass da noch andere waren, und sind, so viele andere schwule Leute überall. Wir alle haben irgendwo mit Kink angefangen und haben sich dann die Dinge ordnen lassen. Ich weiß tief in mir drinnen, dass es in Ordnung ist und nichts falsch daran ist. Bei anderen hat es vielleicht geholfen, es mit Freunden oder anderen Schwulen zu diskutieren, aber ich habe es vorgezogen und es auch hinbekommen, es mit mir selbst auszumachen. Aber ich bin auch dafür, offen gegenüber anderen zu sein, man ist oft überrascht, wie toll die meisten Leute innerhalb der Community sind.

Einige der Kinky-Geräusche, die ich am Besten finde, sind ein „Hmmmpf“ (wenn jemand geknebelt ist), oder wenn jemand Klebeband von einer Rolle reißt. 😉 Was ist dein Lieblings-Kiny-Sound?
Ich denke ich habe da mehrere. Das erste, das mir in den Sinn kommt, ist ein Rebreather, der eine Flasche mit Wasser hat (oder eine andere Flüssigkeit), die Geräusche macht, jedes Mal, wenn der Sub atmet, da die Luft, die man atmet, durch den Strohhalm oder das Loch in der Flasche geht, dann durch das Wasser/die Flüssigkeit, was dann ein Blubbern erzeugt, und dann durch den Schlauch deiner Gasmaske/Maske. Ich habe das ein paar Mal erlebt, und der Klang davon, ich muss dann nicht mal berührt werden, macht mich richtig hart. Das andere ist das Geräusch eines Vibrators. Es ist offensichtlich, was passiert, aber es ist auch eine Maschine, die nicht aufhört, bevor der Dom es will, und die verschiedenen Intensitätsstufen (und Lautstärken) machen es noch besser.

© Marcbound

Wenn du einmal zurückdenkst: Kannst du einmal eine deiner heißesten Erfahrungen beschreiben?
Vor ein paar Jahren, als ich in London meinen Master machte, hatte ich das Glück, einige Male „Londonropetop“ zu treffen. Ich mochte alles was er mit mir gemacht hat, aber besonders die mehreren Male, als er mich mumifiziert hat. Mumifiziert zu werden steht ganz oben auf meiner Fetisch-Liste, wegen der kompletten Immobilisierung, in der man sich befindet. Das Gefühl der Enge, und eine Schicht über deinem Körper zu haben, die dich von der Außenwelt abschirmt, und auch die Objektivierung in dieser Situation an sich. An dem Tag war es blaues Tape, wie ich herausfand, als ich wieder draußen war, und die Art, wie er mich auf diesem Metallgerüst-Tisch gelegt hat und mich vollständig immobilisiert hat, in dem er meinen Kopf mit Klebeband eingewickelt hat, meinen Oberkörper, Hüften, und Füße, machten absolut keine Bewegung möglich. Ich fühlte mich wie im Himmel um ehrlich zu sein, es war etwas, das nicht vergleichbar ist mit irgendwas anderem in der Welt. Einfach die Ekstase, so dort zu liegen. Und in diesen Momenten verlierst du dich im Sub-Space und vergisst alles von der Welt um dich herum, die Sorgen, die Termine, die Probleme… Alles wird zweitrangig, du bist einfach nur da, und machst das beste draus, und bist dem Dom dankbar, dass er dich in diese Situation gebracht hat. Solche Erfahrungen haben mich immer mehr verlangen lassen, und haben mir dabei geholfen, mit meiner Fetisch-Seite zurecht zu kommen, da sie ein Zeichen dafür sind, dass alles okay ist und einen Sinn macht.

Was bedeutet es für dich, Bilder von dir in kinky Situationen zu zeigen (etwa auf Instagram)?
Bilder von mir zu zeigen, ist für mich eine Art von Selbstentfaltung, und es hilft mir auch dabei, mit meinem Körper selbstbewusster zu sein. Ich teile meine Erfahrungen mit anderen Menschen, die ähnliches mögen, und es ist eine guter Weg für uns alle, sich daran zu erfreuen, es zu bewundern, oder Inspiration zu bekommen, oder neue Ideen zubekommen für eigenen Kinky-Spaß. Ich denke, es gibt da einen sehr schönen Aspekt, aber es ist auch eine schmale Linie hin dazu, dass es sehr negativ werden kann, dass man nur an Likes und Followern interessiert ist und man den eigentlichen Sinn des Teilens vergisst. Ich sage nicht, dass es falsch ist, sich auf wachsende Follower-Zahlen zu konzentrieren, und mit kinky Inhalten Geld zu verdienen, noch mal: jeder was er möchte, ich sage nur, dass das nichts für mich ist. Und obwohl das Teilen von Online-Inhalten also mehr eine Sache zum Spaß ist, habe ich nie daran gedacht mich über meinen Fetisch öffentlich darzustellen. Ich habe entdeckt, dass ich es auch schön fände, wenn bei einer Session andere zusehen würden, während ich der Sub bin. Ich denke, die Ideen, zu wissen, oder sogar zu hören, dass da Leute die ich nicht kenne (oder doch kenne) wären in dem Raum, und sehen mich, ohne, dass ich sie sehen könnte, würde mich auch anmachen, was ich gern mal ausprobieren würde. Ich stand schon mal im Kontakt mit ein paar Leuten, die das auch mögen würden, also denke ich, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis ich das mal erleben werde.

© Marcbound

Wie sind Selbstdarstellung und das Ausleben der Fetische nach deiner Meinung miteinander verbunden?
Selbstdarstellung ist auf jeden Fall ein wesentlicher Aspekt jeder kinky Person. Man stellt sich selbst gegenüber der Welt dar, oder Sexualpartnern in diesem Fall, und man macht es durch den eigenen Fetisch. Ich würde sagen, Selbstdarstellung und Fetisch sind ziemlich nah beieinander, weil man nicht ohne das andere Leben kann, außer man will nicht mit seinem Fetisch leben, aber das würde bedeuten, man drückt sich nicht wirklich selbst aus, und das wäre eine Schande. Jeder sollte sich mutig genug fühlen, und sich selbst akzeptieren, und dass Erfahren können, was er selbst mag.

Marc, danke für dieses Interview. Ich hoffe, wir treffen uns wieder an helleren Tagen an dunkleren Orten 😉

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(Interviewer: Michael)

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